Elisabeth von Thüringen

Elisabeths Persönlichkeit ist höchst facettenreich. Sie wusste sich auf herrschaftlichen Parkett sicher und elegant zu bewegen, galt als äußerst willensstark und war gleichzeitig eine geduldige Pflegerin, die auch die abstoßendsten Krankheiten ohne Anzeichen von Ekel behandelte. Ihr hervorstechendstes Wesensmerkmal ist die konsequente Verfolgung des einmal als richtig erkannten Weges. Elisabeth war eine unangepasste Frau. Denn das, was ihr richtig erschien, wollte sie auch von ihrem Gefolge umgesetzt sehen. Hungern an vollen Tischen, Handarbeit und die hemmungslose Umverteilung von Besitzständen. Dank des enormen Engagements ihres geistlichen Begleiters Konrad von Marburg entstand die erste Lebensbeschreibung bereits ein Jahr nach ihrem Tod. In demselben Kontext ist der „Libellus“ zu sehen, der die amtlichen Wunderprotokolle enthält, der die Grundlage jedes Heiligsprechungsverfahrens bilden. Sie basieren primär auf den Aussagen der Dienerinnen Irmgard, Isentrud, Elisabeth und Guda. In den Interviews ging es nicht in erster Linie darum, ein unverfälschtes Bild der historischen Elisabeth zu zeichnen. Sie unterlagen vielmehr dem Interesse, alles herauszustellen, was das normale christliche Leben übertraf. Die zweckorientierten Dokumente, deren ausschließliches Ziel der Kanonisation der verehrten Landgräfin zu dienen. Caesarius von Heisterbach schrieb in den Jahren bis 1236 eine Vita, welche die Verehrung Elisabeths in der Bevölkerung befestigen sollte. Der Deutsche Orden hütete zu diesem Zeitpunkt Elisabeths Grab und versprach sich von den zu erwartenden Wallfahrern einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen Vorteil. Der Großmeister des Ordens war Konrad, ein Bruder von Elisabeths verstorbenem Ehemann Ludwig. Die Abschriften bildeten zugleich die Grundlage für die zwischen 1289 und 1297 entstandene Vita des Dominikaners Dietrich von Apolda. Heiligenviten folgen, in der Regel bestimmten festgelegten Dingen im Übertragenen Sinn. In den Quellen wurde Elisabeth stark hervorgehoben, dass sie schon als Kind gerne in die Kirche ging und beim Verstecken spielen oft die Gelegenheit nutzte, sich dorthin zurückzuziehen. In einem weiteren Bild der Vita wird geschildert, dass Elisabeth, als sie von Eisenach nach Marburg gegangen war, um dort ein Hospital zu gründen, in einem Holzverschlag unter einer Treppe gewohnt habe, weil das Gebäude, das sie beziehen sollte, noch nicht fertiggestellt war. Dieser Teil der Vita ist ganz offensichtlich ein Rückgriff auf das Leben des Heiligen Alexius. Die bekannteste Wundererzählung zum Leben Elisabeths, das sogenannte Rosenwunder, findet sich in den frühen Quellen nicht. Es ist vermutlich später zu den sich um Elisabeth rankenden Legenden hinzugekommen. Man vermutet heute, dass diese Legende auf die Heilige Elisabeth von Portugal zurückgeht. Zu Elisabeth von Thüringen passt die Geschichte weit weniger. Zugleich verknüpft die Legende vom Rosenwunder die Geschichte Elisabeths mit der von Franziskus und Klara. Elisabeths Vater, König Andreas II. von Ungarn, gehört zu den Nachfahren Arpads, des Anführers jener khazarischen Kawaren, die 895 nach Christi mit insgesamt zehn Stämmen das Karpatenbecken eroberten. Ihre Mutter, Königin Gertrud von Ungarn, war die Tochter des Grafen Berthold, des Herzogs von Andechs-Meranien. Die Wahl zur Einheirat in das Thüringische Herrscherhaus ist auf die Verbindung Gertruds zur staufischen Partei zurückzuführen. Von ihrem Stammsitz aus erweiterten sie ihren Herrschaftsbereich um die Güter an der unteren Unstrut, wo die 1080 erstmals erwähnte Wartburg bei Eisenach zum neuen Zentrum avancierte. Durch Heirat wurden dem Fürstentum die westlich um Marburg und südlich um Kassel gelegenen Besitzungen hinzugefügt, durch Erbe die Güter der gisonischen Grafen. Als Elisabeth im Alter von vier Jahren von Ungarn an den thüringischen Hof reiste, hieß ihr zukünftiger Ehemann noch nicht Ludwig, sondern Hermann. Erst nach dem Tod von Hermann im Jahr 1216 wurde die Ehe mit dessen Bruder Ludwig ausgehandelt. Elisabeth reiste mit der ein Jahr älteren Freundin und späteren Dienerin Guda, die nun mit ihr am Eisenacher Hof erzogen wurde. Von Anfang an galt sie als interessiert an religiöser Unterweisung. Eigenwillig bis widerständig, was höfische Etikette und Verhaltensnormen anging. Sie verfügte über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Elisabeth war umgänglich und sehr charmant. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu Hermann und Ludwig sowie zu ihrer Schwiegermutter Sophie. Ihre Schwägerin Agnes scheint sie dagegen als unliebsame Konkurrentin erlebt zu haben. Ein Jahr nach dem Tode ihres zukünftigen Ehemannes starb auch der regierende Landgraf und Ludwig übernahm die Herrschaft. Sieben Jahre später heiratete er Elisabeth. Der Hof staunte über die offensichtliche Zuneigung zwischen dem jungen Paar, die deutlich das gewohnte Ausmaß übertraf, wie z. B. dem, dass Elisabeth bei Tisch an der Seite ihres Gemahls zu sitzen pflegte. Ein Jahr nach der Eheschließung wurde mit Hermann das erste Kind des Paares geboren, die beiden Töchter Sophie (* 1224) und Gertrud (*1227) folgten wenig später. Die taufen ihrer Kinder nutzte Elisabeth ebenso wie andere liturgische Feiern, um ihre spirituelle Ausrichtung öffentlich zu präsentieren. Sie trug ihre Kinder barfuß und in einem schlichten Wollkleid von der Burg zur Kirche hinab, bei ihrer Teilnahme an der Eucharistiefeier verzichtete sie bewusst auf festliche, standesgemäße Gewandung, und ihre Krone nahm sie in der Kirche ab. Ihre Hofdamen sahen sich genötigt, ihrem Beispiel zu folgen. Gäste wiederum fühlten sich durch Elisabeths Verhalten düpiert. Mitten in der Nacht ließ Elisabeth sich wecken um zu beten. Und Ludwig tolerierte ihre caritativen Tätigkeiten. Elisabeth hatte eine für ihre Zeit ungewöhnliche Auffassung von der Verteilung des Besitzes. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Zeitgenossen glaubte sie nicht daran, dass es gottgegeben und unveränderbar war, in welchen Stand man geboren wurde. Dem ständischen Denken setzte sie die Botschaft des Evangeliums entgegen und erdreistete sich, diese wörtlich zu nehmen. Immer wieder verschenkte sie kostbare Gewänder oder verkaufte sie, um den Erlös den Armen zu geben. Zum Ärgernis für ihre Umgebung wurde sie aber nicht durch ihre eigen Freigiebigkeit, sondern vor allem durch ihre permanenten Forderungen, es ihr gelichzutun. So kritisierte die Landgräfin beispielsweise die Sitte, die reichen in kostbaren Gewändern zu bestatten. Den Toten, so Elisabeth, bringt ein kostbares Gewand keinen Gewinn. Gerade weil sie selbst im Überfluss lebte, fühlte sie sich verpflichtet, an der Umgestaltung der Verhältnisse mitzuwirken. 1224 erreichte der Laienbruder Rodeger als einer der ersten Franziskaner Thüringen und predigte unter anderem auch am Hof auf der Wartburg. Ludwig und Elisabeth waren begeistert von den Idealen Armutsbewegung. Allerdings konnte und wollte Rodeger nicht als Beichtvater der Fürstin am Thüringer Hof bleiben. Zwei Jahre später fand das Fürstenpaar den Mann, der ihrem Bedürfnis nach geistlicher Begleitung auf der Grundlage der geistigen Ausrichtung der Armutsbewegung entgegenkam. Landgraf Ludwig wurde 1226 auf Konrad von Marburg aufmerksam und überzeugte sich in persönlichen Gesprächen von dessen Eignung als Beichtvater für seine Frau Elisabeth. Ob Elisabeth sich tatsächlich an Papst Gregor gewandt hat, um einen geeigneten Beichtvater zu finden, ist nicht nachweisbar. Noch im selben Jahr, in dem sie und Ludwig das eine Mal mit Konrad von Marburg in Kontakt getreten waren, legte Elisabeth in der Kirche des Eisenacher Katharinenklosters ein folgenschweres Gelübde ab. Sie legte ihre Hände in die ihres Beichtvatersund gelobte ihm unbedingten Gehorsam, sowie Keuschheit für den Fall, dass ihr Mann vor ihr sterben würde. Damit hatte sie sich zu zweien der drei evangelischen Räte verpflichtet, die die Grundlage des monastischen Lebens bildeten. Von bedeutendem Interesse ist dabei in erster Linie das Gehorsamsgelübde. In Elisabeths Fall bietet Konrad von Marburg das Trainingsfeld für das Distanzieren von eigenen Interessen und Vorstellungen. Wie ernst Konrad Elisabeths Verpflichtung nahm, wird deutlich, als er ihr eine Anweisung gab, die sie in einen direkten Interessenskonflikt mit ihren Aufgaben als Landesfürstin brachte. Er forderte sie nämlich auf, zu einer seiner Predigten zu erscheinen, als Elisabeth überraschend Besuch von der Markgräfin von Meißen erhielt. Als Elisabeth seinem Ruf nicht folgte, kündigte Konrad seine Stellung und nahm sie erst wieder auf, nachdem Elisabeth sich ihm zu Füßen geworfen hatte und er die Gelegenheit erhielt, ihre Dienerinnen zu züchtigen, die er für ihr Nichterscheinen mit verantwortlich machte. Interessanterweise legte Elisabeth das Gelübde der Armut nicht ab. Dennoch stand gerade dies für sie im Zentrum. Auf das Armutsgelübde zu verzichten bedeutete für sie allerdings keineswegs, in diesem Bereich keine Zeichen zu setzen. Sie unterschied jedoch peinlich genau zwischen ihre Rolle als Landesfürstin und ihrem privaten und geistlichen Leben. Bei Gottesdiensten weigerte sie sich, fürstliche Insignien zu tragen und an öffentlichen Prozessionen, an kirchlichen Hochfesten nahm sie barfuß teil, wobei sie sich zu den armen Frauen gesellte. Zu den Verpflichtungen, die Konrad von Marburg Elisabeth auferlegte, gehörten Gehorsam, Demut und Barmherzigkeit. Von besonders tiefgreifender Auswirkung war sein Gebot, Elisabeth dürfe nur noch an solchen Produkten der Hofhaltung partizipieren, die nicht auf unrechtmäßige Ausbeutung der Untertanen zurückgingen. Es muss ein ungeheurer Skandal gewesen sein, als Elisabeth an der Tafel des Fürsten zum ersten Mal dem Gebot ihres geistlichen Begleiters folgte und nur von den Speisen aß, die von den rechtmäßigen Gütern ihres Gemahls oder ihren eigenen Besitzungen stammten. Die junge Landesfürstin selbst hielt denen, die mit ihr tafelten, den Spiegel vor, indem sie ihnen durch ihren Verzicht zeigte, welche Speisen unrechtmäßigerweise von Untertanen eingetrieben worden waren, die ihrer selbst dringend bedurft hätten. Als wäre ein solcher Affront nicht schon genug gewesen, überzeugte sie auch noch die Frauen ihres Hofstaates, es ihr gleichzutun. Natürlich hatten alle am Hof erwartet, dass der Landgraf dieser neuen exzentrischen Marotte seiner Frau Einhalt gebieten würde. Aber er ließ sie gewähren. Elisabeth verwirklichte mit verblüffender Konsequenz ein Leben nach dem Evangelium, und in mancherlei Hinsicht nahm sie dabei eine Vorreiterstellung ein. Zumindest in Deutschland war sie dem Zeitgeist voraus, indem sie Praktiken einführte, wie die religiös motivierte Kasteiung. Geißelungen durch ihre Mägde dienten ihr als Bußübung und Teil der Meditation. Elisabeth trug wollene Unterkleidung. Abweichend von den gesellschaftlichen Regeln ihres Standes widmete sich Elisabeth mit ihren Hofdamen außerdem handwerklichen Tätigkeiten. Statt der für sie ziemlichen feinen Nadelarbeiten verpflichtete sie ihre Dienerinnen, gemeinsam mit ihr Wolle zu spinnen und daraus Kleidung zu weben, die dann an Franziskaner oder Arme verschenkt wurde. Für Bedürftige nähte Elisabeth Totenhemden, wusch die Verstorbenen auch selbst und bereitete sie für die Bestattung vor. 1226 ergab sich der äußere Anlass hierzu. Bedingt durch eine „schwere Teerung“ waren Hungersnöte im ganzen Land ausgebrochen. Während andere Adelige das Hungern ihrer Untertanen für ein unabwendbares Schicksal hielten, wurde Elisabeth aktiv. Zunächst ließ sie Getreide aus der Kornkammer des Landgrafen an die Bevölkerung verteilen, und als das nicht reichte, griff sie auf die Besitzstände des Grafen zurück, um weiteres Getreide anzukaufen. Mit dem Bau eines Hospitals verschaffte Elisabeth ihren caritativen Aktivitäten einen organisatorischen Rahmen. War sie bisher in die Häuser der Bedürftigen gegangen, um von Fall zu Fall die schlimmsten Not lindern zu helfen, schuf sie nun eine Anlaufstelle für alle, die durch die Maschen des gesellschaftlichen Netzwerkes gefallen waren. Elisabeths Hospital war schon dem neuen Hospitaltypus verpflichtetes bot nicht nur durchreisenden Pilgern einen Platz und das Angebot zur Pflege bei Krankheit, es nahm auch entkräftete Arme auf, für die niemand sonst mehr sorgte. Darüber hinaus bot es auch Raum für die vielen Kranken, bei denen man Aussatz diagnostizierte. Elisabeth nahm sich neben der Pflegeviel Zeit für Gespräche mit den Kranken, die sie immer wieder aufforderte, das Bußsakrament zu empfangen und regelmäßig zu beten. Ungeachtet dessen, das sie auf der Wartburg stets auf gut gelüftete Räume achtete, ertrug sie in diesem Sommer ohne jeden Ekel die schlechteste Krankenluft. Als sich im Folgejahr die Erntesituation wieder besserte, sorgte sie dafür, dass die arbeitsfähigen Armen mit Werkzeug ausgestattet wurden, um sich ihr Brot selbst zu verdienen. Im Sommer 1227 brach Ludwig im Gefolge Friedrichs II. zum Kreuzzug ins Heilige Land auf. Der Abschied zwischen Ludwig und Elisabeth muss herzzerreißend gewesen sein. Sie begleitete ihn nicht nur bis zur thüringischen Landesgrenze, sondern noch zwei Tagesreisen darüber hinaus. Die Landgräfin kehrte zurück, weinend wie eine Witwe und Tränen auf den Wangen. Sie zog ihre Freudengewänder aus und legte das Kleid der Witwenschaft an. Letzteres hätte normalerweise bedeutet, dass Elisabeth nun für ihren Mann Ludwig die Regierungsgeschäfte geführt hätte. Doch offenbar kannte er seine junge Frau gut genug, um zu wissen, dass ihre Frömmigkeit sie bewogen hätte, seinen Besitz freigebig an die Armen zu verschenken, wenn er ihr die Möglichkeit gegeben hätte. Für Elisabeths Frömmigkeitsübungen hatte Landgraf Heinrich Raspe ebenso wenig Verständnis wie für ihr caritatives Engagement und ihre Freigebigkeit. Nun war Elisabeth aber von bemerkenswerter Willensstärke und Kompromisslosigkeit. Der Konflikt schien also vorprogrammiert. Doch bevor die Auseinandersetzung zwischen der Landgräfin und dem Statthalter sein volles Ausmaß erreichen konnte, geschah das, was Elisabeth am meisten gefürchtet hatte. Ludwig starb am 11. September 1227 Otranto. Die Boten wandten sich zunächst an die Landgräfin Sophie, die dann ihre Schwiegertochter informierte. Die Vita schildert, dass Elisabeth völlig zusammenbrach. In den nächsten Wochen zeigte sich, in welchem Ausmaß ihr Ehemann ihr nicht nur Liebe gezeigt, sondern auch Schutz geboten hatte. Heinrich Raspe entzog ihr den Zugriff auf sämtliche Besitzungen und erlaubte ihr lediglich, weiterhin an der landgräflichen Tafel teilzunehmen. Elisabeth entschied sich, gemeinsam mit ihren Kindern und ihren vertrautesten Dienerinnen die Wartburg zu verlassen. Sie selbst begriff diesen Schritt als Befreiung, da es sie von den ihr so lästigen gesellschaftlichen Verpflichtungen entband. Endlich konnte sie das tun, was sie schon immer hatte tun wollen: arm werden. Ihr Weg führte sie direkt ins Franziskanerkloster, wo sie die Mitternachtsmette besuchte und die Brüder das lateinische Te Deum anstimmen ließ. Elisabeth verbrachte den folgenden Winter unter schwierigen Bedingungen. Elisabeth hat sich als Witwe genau für das Leben entschieden, das sie schon immer hatte führen wollen. Dennoch behielt sie gewisse Gepflogenheiten ihres Standes bei. So ließ sie ihre Kinder standesgemäß erziehen. Nach dem in Eisenach gemeinsam verbrachten Winter schickte sie ihren Sohn Hermann wieder auf die Wartburg. Er starb im Alter von 19 Jahren. Ihre Töchter Sophie und die nach Ludwigs Tod geborene Tochter Gertrud wuchsen in Klöstern auf. Sophie heiratete Heinrich von Brabant. Gertrud wurde im Prämonstratenserinnenkloster Altenberg bei Wetzlar erzogen, dessen Äbtissin sie später aufstieg. Die Versorgung ihrer Kinder war für Elisabeth nicht nur Selbstzweck, sie gab ihr auch die Möglichkeit, ungehindert ihrem Streben nach Heiligkeit zu folgen. Konrad von Marburg erkannte schnell, dass seine Schutzbefohlene auf einem aus seiner Sicht gefährlichen Weg der Selbstentäußerung war. Er bewirkte deshalb einen Schutzbrief des Papstes für sie, der jeden mit Exkommunikation und Interdikt bedrohte, der Hand an Elisabeths Witwengüter legte. Elisabeth legte 1228 in der Eisenacher Franziskanerkirche ein erweitertes Gelübde ab, um sich auf diesem Wege Konrad von Marburgs unliebsamer Einflussnahme zu entziehen, da ein solches Gelübde nach mittelalterlichem Rechtsverständnis bindend war. Elisabeth verzichtete in Gegenwart einiger Brüder auf Eltern, Kinder und auf den eigenen Willen, auf allen Glanz der Welt und auf alles, was der Heiland im Evangelium rät. Erst als sie Anstalten machte, sich gänzlich von allem Besitz loszusagen, schritt Konrad ein. Konrad war nicht der einzige, der Elisabeths Eifer behinderte. Die Verwandtschaft von mütterlicher Seite schritt ein, um sie zur Vernunft zu bringen. Ihre Tante Mechthild brachte Elisabeth gegen ihren Willen zu ihrem Onkel Ekbert. Er sollte sich seiner widerspenstigen Nichte annehmen und einen neuen Ehemann für sie suchen. Doch auch er scheiterte an Elisabeths Fähigkeiten zur Selbstbehauptung. Daraufhin ließ Ekbert seine Nichte auf die schwer befestigte Burg Pottenstein schaffen, auf dass die „ehrenvolle Gefangenschaft“ sie zur Vernunft bringe. Die Überführung der Gebeine ihres Ehemannes beendete Elisabeths Geiselhaft, denn nun musste sie ein letztes Mal die Rolle der Landgräfin spielen. Am Rande der Beisetzungsfeierlichkeiten wurden zahlreiche Verhandlungen geführt. Ekbert konferierte mit den ehemaligen Vasallen Ludwigs, um sich ihrer Unterstützung für dessen Witwe zu sichern. Der Kompromiss war die für alle Seiten optimale Lösung der Abfindung. Elisabeth erhielt 2000 Mark. Ihr selbst kam dies insofern entgegen, als sie etwaigen Landbesitz ohnehin versilbert hätte, um das Geld den Armen zu geben. Auch wenn sie selbst am liebsten sofort alles Geld verschenkt hätte und mittellos umhergezogen wäre, sorgte Konrad dafür, dass sie in relativer Armut ein geregeltes Leben führte. Konrad entschied für sich und Elisabeth seinen Herkunftsort Marburg als neuen Wohnsitz. Der Ort selbst gehörte Elisabeth, allerdings nur noch als Gebrauch und nicht als Eigentum. Die Nähe zum Kloster Altenberg, in dem ihre Tochter Gertrud lebte, bot einen weiteren Vorteil. Elisabeth besuchte Gertrud häufig, während der Kontakt zu ihrem Sohn Hermann abgerissen zu sein scheint. Auf den Vorschlag Konrads hin ließ Elisabeth nun ein neues Hospital erbauen, in dem sie sich der Pflege der Kranken und Siechen widmete. Sie stellte die Versorgung des Hospitals mit Spendengeldern sicher, denn viele der Vorbeireisenden nutzten die Gelegenheit, etwas für ihr Seelenheil zu tun. Elisabeth kleidete sich von nun an in ein schlichtes graues Gewand. Es symbolisierte ihr neues Leben und zeigte zugleich ihre Nähe zum Franziskanerorden, dessen Kutten es glich. Für die Kapelle ihres Hospitals verschaffte sie sich zudem Reliquien des kurz zuvor heiliggesprochenen Franziskus. Ungeachtet der Bemühungen Konrads rieb Elisabeth sich bei der Pflege der Armen und Kranken auf. Sie schlief und aß zu wenig und arbeitete zu viel. Der Raubbau an ihrer Gesundheit war offensichtlich. Konrad versuchte nun sie zu zwingen, indem er ihr ihre liebsten Dienerinnen und Freundinnen entzog und sie durch unfreundliche Frauen ersetzte. Elisabeth gelang es jedoch immer wieder, Konrads Anweisungen zu umgehen oder zu unterlaufen. Schließlich hielt sie der Fülle der Belastungen jedoch nicht mehr stand. Sie erkrankte und starb in der Nacht vom 16. Zum 17. November 1231 im Kreise ihrer Freunde. Die Bemühungen Konrads um ihre Heiligsprechung setzten unmittelbar nach ihrem Tod ein. Wie gewöhnlich nutzte er seinen direkten Draht zum Papst. Er ließ eine aus den Mitteln Elisabeths finanzierte Kirche bauen und forderte damit das Recht adeliger Stifter ein, in ihren Kirchen bestattet zu werden – und natürlich war die Kirche so konzipiert, dass sie die zu erwartenden Wallfahrer aufnehmen konnte. Anlässlich der Altarweihe reiste der Mainzer Oberhirte nun an. Konrad hielt die Festpredigt und forderte alle, die auf die Fürsprache Elisabeths geheilt worden waren, öffentlich auf, davon zu berichten. Die bisher spärlich fließenden Wunderberichte erwiesen sich daraufhin als rauschender Bach. Nun konnten die notwendigen Dokumente zusammengestellt und Elisabeth innerhalb von zweieinhalb Jahren heiliggesprochen werden.