Bertradaburg

Die über Mürlenbach im Kylltal stehende Burg Mürlenbach, besser bekannt als Bertradaburg, ist eine der architektonisch bedeutendsten Burgen der Eifel. Sie wurde an der Stelle eines römischen Kastells und als Sitz der Bertrada bezeichnet. Der volkstümliche, wohl seit dem 19. Jahrhundert bezeugte Sage zurück: Die genannte Bertrada war die Großmutter von Berta, der Mutter Kaiser Karls des Großen, und so wurde vermutet, Karl sei auf der Burg geboren – eine nicht zu beweisende These.

Ein oft erwähntes römisches Kastell als Vorgänger der Burg ist nicht nachweisbar. Und eine 1821 angeblich in der Burg vorhandene römische Inschrifttafel ist nicht mehr vorhanden. Funde aus der Römerzeit bezeugen aber die Besiedlung der Gemarkung Mürlenbach spätestens in der Zeit 257 nach Christi. Im „Prümer Urbar“ ist Mürlenbach nicht verzeichnet. Ein Hof Morlbach wird jedoch in einer Urkunde Kaiser Heinrichs IV. erwähnt. Es gibt mehrere Schriftquellen zur spätmittelalterlichen Geschichte der Burg, etwa die Große Sühnerurkunde im Staatsarchiv Koblenz und Urkunden, welche Leben auf der Burg betreffen. Die Burg Mürlenbach entstand in einem Gebiet, das der Anfang des 18. Jahrhundert vom fränkischen Königshaus gegründeten Benediktinerabtei Prüm gehörte. Die Abtei war reichsunmittelbar. Nach militärischen Konflikten zwischen Kurtrier und der Abtei in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert musste 1575 Kaiser Maximilian II. die Union der Abtei mit dem Erzstift bestätigen. 1576 ging das Gebiet der Abtei endgültig im kurtrierischen Staat auf. Wann die Abtei Prüm Ortsherrschaft in Mürlenbach wurde, ist eben so wenig bekannt wie das Gründungsdatum der Burg. Eine seit dem ersten Viertel des 17. Jahrhundert greifbare Sage führt die Burggründung auf das 8. Jahrhundert zurück. Nach den Berichten alter Schriftsteller sei Berta, die Mutter Karls des Großen, die Enkelin jener Berta, eine Ungarin gewesen. So soll auf der Burg Berta die Gattin des fränkischen Königs Pippin gelebt haben, die 721 mit ihrem Sohn Charibert die Abtei Prüm stiftete. Bertrada war die Großmutter von Berta, der Mutter Karls des Großen, der nach einer weiteren Überlieferung auf der Burg geboren sein soll, die so zur Stammburg des karolingischen Königshauses deklariert wurde. Die urkundliche Ersterwähnung der Burg stammt aus dem Jahr 1331. Nach Meinung älterer Kunsthistoriker und Burgenforscher wird sie, der Architektur nach zu urteilen, gegen Ende des 13. Jahrhunderts erbaut worden sein. Folgt man der vorgeschlagenen Datierung, dann wäre Abt Heinrich von Prüm der Bauherr. 1331 wurde Matthias von Grunnenbrecht von Abt heinrich zum Burggrafen ernannt: der Konvent der Abtei sowie der Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg hatten ihre Zustimmung gegeben. 1334 räumte Abt Heinrich für Erzbischof Balduin „die Türme seines Klosters“, das heißt die Burg der Abtei. Er versprach ihn nicht zu hintergehen und behielt sich den eigenen Gebrauch der Burg für den Notfall vor. Es sollten aber alle, die zur Besatzung gehörten, zuvor den Erzbischof schwören. Abt Heinrich übertrug kurz darauf wegen schwerer Krankheit die Burg dem Koventsbruder Küster Edmund von Ulmen. Jener trat nach der Genesung des Abtes nicht von der Verwaltung zurück, gelobte aber 1337 gemeinsam mit seinem Bruder Nikolaus, wenn die Burg in ihre Hände käme, dem Erzbischof aus dieser keinem Schaden zu tun. Darüber hinaus räumten sie ihm das Öffnungsrecht ein. Ebenfalls 1337 erklärte der Abt, er würde keine Handlung von Edmund als bindend oder gültig anerkennen. Gleichzeitig ernannte er seinen Vetter Gerhard von Ham zum Burggrafen und Amtmann der Burg. 1339 gab der Erzbischof die Burg dem Abt zurück. Dem Erzbischof wurde das Öffnungsrecht eingeräumt und die „Verhütung allen Schadens für die trierische Kirche“ zugesagt. Kurz nach dem Vertragsabschluss musste die Abtei den Erzbischof als Beschützer akzeptieren. 1355 ließ sich der Erzbischof die Unterstützung des Abtes in Fehdesachen bestätigen. Aufgrund seiner Bestellung zum Amtmann der Burgen Prüm und Mürlenbach musste Abt Dietrich von Gommersbach 1413 dem Erzbischof Werner von Falkenstein einen Revers unterzeichnen. Der Abt blieb Lehnsherr. 1511 kam es scheinbar zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Abt Robert von Vinneburg und Erzbischof Richard von Greiffenclau zu Vollrads. Nach dem Tod des Abtes Robert versuchte der Erzbischof erneut seine Macht über die Abtei auszudehnen. Der von den Konventualen zum Abt bestimmte Graf von Manderscheid, Abt von Stablo und Malmedy, hatte die Burg mit Geschütz versehen lassen. Die Trierer mussten abziehen. Die Wahl Wilhelms zum Abt wurde bald darauf vom Papst bestätigt. Nachdem Wilhelm Abt geworden war ließ er die Burg zur Festung ausbauen. Bei Kämpfen zwischen Truppen des Abtes und des Erzbischofs soll die Burg zuvor zerstört worden sein; die Inschrift bezieht sich vermutlich darauf. Wilhelm weilte anscheinend häufiger auf Burg Mürlenbach. Nachdem er 1541 dort noch einen Vertrag mit dem Erzbistum geschlossen hatte, gelangte die Burg schließlich 1576 mit den übrigen Besitzungen der Abtei an den Kurfürsten von Trier. Um 1598 wurde die Burg ausgebaut und verstärkt. Sie wurde so endgültig zu einer modellierten Festung. Ein 1598 bezeichneter, vom Ausbau stammender Wappenstein ist in der neuaufgebauten Nordfront des sogenannten „Palas“ eingemauert. 1683 soll die Burg bereits verfallen gewesen sein, doch war noch 1685 ein Kelch in der Burg, den der Pfarrer als Eigentum der Pfarrkirche ansah. Im 18. Jahrhundert wurde Burg Mürlenbach mit dem zugehörigen Besitz verpachtet. Diese wurde 1804 von der französischen Besatzungsregierung zum Nationaleigentum erklärt und als solches am 15. Germinal XII der französischen Zeitrechnung verkauft. Um 1825 war Landgerichtsrat Veling aus Aachen der Besitzer der zur Burg gehörigen Güter. Sein Verwalter hatte „in den Trümmern der Burg“ sein Wohnhaus. In den 1870er Jahren wurde eine neue Fahrstraße zur Burg angelegt und dazu ein dicker Turm gesprengt. Es war der zur Gründungsanlagegehörige Schalenturm an der Westseite. Der größere Teil des Burggeländes gehörte wohl damals bereits dem Brauereibesitzer Kersten, der den Besitz um/nach 1870 erworben und zum Brauhaus ausgebaut hatte; als solches diente er noch 1938. Zudem ließ er Lagerschuppen im Hof errichten. Es kam zur Aufsiedlung fast des gesamten Burgareals. Gebäude der Burg wurden zu Wohnzwecken und als Werkstätten genutzt. Seit 1889 gehörte das östliche Drittel des Burghofes mit Mauer und Torbau auf der Ostseite dem Fiskus, der 1906 kleinere Ausbesserungen durchführen ließ Kurz vor dem 09.07.1934 stürzte der nördliche Schalenturm ein. 1963 wurde schließlich beschlossen, die Burg zu sichern und zur Besichtigung freizugeben. 1965/67 erfolgte mit der Bebauung des Hanggeländes westlich der Burg ein das Erscheinungsbild beeinträchtigender Eingriff. 1977 erwarb schließlich das Ehepaar Tiepelmann die Burg mit Ausnahme des Torbaus. Klaus Tiepelmann hat sich von Anfang an um den Erhalt und die Teilrekonstruktion der Anlage bemüht. Ab den 1980er Jahren wurde die Burg umfänglich instandgesetzt. Im Rahmen der Restaurierung wurden das Mauerwerk des Nordturmes und des Zwischenbaues am Doppelturmtor brüstungshoch aufgemauert und die Plattformen abgedichtet. Das in der Substanz weitgehend erhaltene Doppelturmtor war jedoch durch Witterungseinflüsse stark beeinträchtigt, weshalb man sich entschloss, den Südturm und den Zwischenbau aufzumauern und in letzterem ein Gewölbe neu einzuziehen. Die Türme erhielten Kegeldächer. Der Burghof war bis 1990 in einer Höhe von bis zu 1,60 m Erdreich, Versturz und Bauschutt aufgefüllt. Vereinzelte Keramikfunde stammen meist von spätmittelalterlichen Steinzeug.

Das „Gringbötschel“

Die Rotsandsteinplatte mit dem „Gringbötschel“ – Relief ist feldseitig über dem Haupttor angebracht. Sie zeigt Kopf, Oberkörper und die hochgezogenen, angewinkelten Arme eines kauernden, wohl unbekleideten bärtigen Mannes, Seine Finger, die in den Rand der Platte hineinragten und eine fast quadratische, ca. 10 cm große Öffnung rahmten, und der Bart sind stark beschädigt . Markant sind die großen, mandelförmigen Augen. In beiden oberen Ecken des Reliefs sitzen, in Höhe der Oberarme des Mannes, die Köpfe über seinen Schultern, zwei vogelartige Fabelwesen. Viele Spekulationen über die Entstehung des Bildes kursieren. Aus kunsthistorischer Sicht dürfte der Stein in den Zeitraum Ende 13. Jahrhundert/Anfang 14. Jahrhundert zu setzen sein. Wahrscheinlich noch in heidnische Zeiten zurückreichend, findet sich figürlicher Schmuck jener Art ab dem 10./11. Jahrhundert an Sakral- und Profanbauten. Das über dem Tor angebrachte Relief ist eine Kopie, in der die am Original nicht erhaltenen Hände ergänzt sind. Das Original befindet sich seit über 100 Jahren im Magazin des Landesmuseums Trier.

Ein Rundgang durch die Bertradaburg

Ringmauer und weitereTürme
Die Ringmauer der Bertradaburg erreichte einst wohl eine Höhe von über 10 m. Über die Form des aus noch vorhandenen Zugängen zu erschließenden Wehrganges kann nichts gesagt werden, da sich keine Reste erhalten haben. Von den flankierenden Türmen steht, außer dem Torbau, nur noch der nach dem Teileinsturz von 1934 wiedererrichtete Nordturm. Beim Neuaufbau wurden zahlreiche Details nicht rekonstruiert. Der Turm war dreigeschossig, sein Untergeschoß mit einer Balkendecke, das 1. Obergeschoß mit einem Gewölbe überfangen. Flankierende Scharten schützen scheinbar die Kurtinen. Alle Geschosse besaßen Kamine und Fenster. Der nordwestliche Schalenturm wurde bei den Ausbauten 1519 und um 1598 durch die angesetzte Vorburgmauer und das Westrondell teils verdeckt. Einen weiteren Schalenturm gab es anstelle des heutigen Westeingangs. Durch die unmittelbare Anfügung der Anlagen für den Geschützkampf an die Kernburgmauern 1519 und den erneuten Ausbau um 1598 überlagern sich Mauerschichten verschiedener Zeiten. Zuerst scheinen die Ringmauer an der Westseite und einen Teil der Südseite sowie der westliche Schalenturm feldseitig um etwa 2 m verstärkt worden zu sein. Die eigentliche Rondellbefestigung gehört wohl den zweiten Ausbau des 16. Jahrhunderts an. Dabei wurde der Westturm abermals verstärkt, seine Mauerstärke muss ab dieser Zeit bei etwa 5 m gelegen haben. Auch die beiden heute noch als Ruinen vorhandenen Rondelle entstandenen wohl um 1598. Das hufeisenförmige Südrondell springt um 16 m vor die mittelalterliche Ringmauer vor. Die Mauerstärke dieses Rondells liegt bei ca. 5 m. Auf zwei Etagen waren hier Geschützkammern eingerichtet. Die Öffnung im Untergeschoß dürfte einen Umbau des 19. Jahrhunderts entstammen. Das ca. 30 m breite Rondell wurde nördlich von dem erwähnten umgestalteten Schalenturm begrenzt. Darauf folgte das kleinere hufeisenförmige Westrondell. Es springt um etwa 19 m aus und hat eine mittlere Breite von 15 m. Die Schießschartenformen beider Rondelle zeigen, dass zur Zeit ihrer Entstehung unterschiedliche Feuerwaffen und Geschütze in der Burg vorhanden waren.

Die Vorburg
Die vielleicht im Rahmen des Ausbaues unter Abt Wilhelm von Manderscheid um 1519 neu angelegte Vorburg auf der Nordseite ist in ihrer gesamten Ausdehnung kaum bekannt.

Der Palas
Beim sogenannten „Palas“ handelt es sich um die Reste eines stattlichen, 35 – 40 m langen Saalbau oder Palas. Aufgrund des Erhaltungszustandes ist es nicht möglich, den Bau eindeutig als Palas zu definieren. Das fast vollständig vorhandene zweischiffige Kellergeschoß zeigt Kreuzgratgewölbe auf kräftigen, recht kurzen Pfeilern über quadratischem Grundriss. An der Hofseite steht ein quadratischer, in den 1980er/90er Jahren neu aufgebauter Treppenturm.

Das Doppelturmtor
Das unregelmäßige Sechseck der Bertradaburg umfasst eine Grundfläche mit Längen von ca. 50 bzw. 40 m. Der Burghof wird heute durch drei Zugänge erschlossen. Den Haupteingang bildete das im Osten aufragende Doppelturmtor. An der Nordseite öffnet sich ein weiteres Portal, ein einfaches Mauertor, das vielleicht erst im 16. Jahrhundert eingebrochen wurde. Der dritte Zugang liegt im Westen, gegenüber dem Doppelturmtor. Den Burghof dominiert das knapp 30 m hohe Doppelturmtor. Zusammen mit dem nur im Kellergeschoß und in Teilen des Erdgeschosses erhaltenen „Palas“ muss es eine höchst eindrucksvolle Baugruppe dargestellt haben. Das Doppelturmtor war im Mittelalter ein repräsentatives, herrschaftliches Element. So erscheint das von Türmen flankierte Tor auf Siegeln und Münzen, so wie in Buchmalereien. Der typologisch zu den Doppelturmtoren gehörige Torbau ist eine Dreiturmgruppe, bestehend aus dem quadratischen Torturm und zwei um je ein Geschoß höheren, den Torturm feldseitig flankierenden Rundtürmen. Die Flankentürme enthalten im Erdgeschoß hohe Schlitzscharten. Schießscharten im deutschen Burgenbau des 13./14. Jahrhunderts blieben noch eine Ausnahme. Weitere Scharten finden sich an den neuralgischen Punkten der Verteidigung. Als weitere Öffnungen gibt es unregelmäßig platzierte, meist mit einer Kleeblatt – Bogenblende überfangene Fenster. Auffällig ist der große Bogen, auf dem das 3. Obergeschoß des Mittelturmes um etwa 1 m vorkragt. Die Dächer sind keine Rekonstruktionen, sondern Dachformen anderer Burgen gleicher Entstehungszeit. Der Torbau hat in den unteren Geschossen an der Außenseite Wandstärken von bis zu 2 m. Er enthält einschließlich der Torhalle 14 weitgehend miteinander verbundene Räume, von denen sich je fünf in den Flankentürmen befinden. Die Torhalle sowie die beiden darüber liegenden Räume sind gewölbt, die Halle mit einem Tonnengewölbe, die Innenräume mit vierteiligen Kreuzgratgewölben, die Pförtnerstube im Untergeschoß mit einem fünfteiligen Gewölbe. Die beiden gewölbten Untergeschoßräume der Flankentürme besitzen Schießkammern. Das 1. Obergeschoß enthält zwei repräsentative Räume und im Südturm eine frühgotische Kapelle mit einem Rippengewölbe auf Ecksäulen. In der Westwand findet sich eine heute zugesetzte Verbindungstür zum „Palas“. Über eine im Mauerzug zwischen Kapellenturm und „Palas“ befindliche Treppe waren ein Aborterker und eine Scharte in der Südostwand des Wohnbaus zu erreichen. Das 2. Obergeschoß enthält drei Räume. Im 3. Geschoß des Mittelbaus wurde anhand eines vorgefundenen Mauerschlitzes im Südturm eine hier wohl ursprünglich vorhandene, den Raum teilende Fachwerkwand rekonstruiert, hinter der sich feldseitig der Bedienungsmechanismus für eine hölzernes Fallgatter befand.