Dom Minden

Der Dom nimmt einen hohen Rang ein unter den abendländischen Baudenkmälern. Er gibt Aufschluss über Geist und Wesensart der Menschen im Westfalenland und der dortigen Landschaft. Er umschließt einen Ehrfurcht gebietenden, heiligen Ort. Über Jahrhunderte hinweg ruht Gottes Hand auf dem Gebäude. Ptolemäus erwähnt 150 erstmals Minden in einer Erdbeschreibung. Nach den Sachsenkriegen, um 800, gründet Karl der Große das Bistum Minden. Er machte den Ort zur Keimzelle für die kulturelle Erschließung Sachsens. Das bistumsgebiet reichte von Polle bis nach Soltau und von Dümmer See bis nach Celle. Der Patron des Bistums und Dom wurde der hl. Petrus. Im Bistumswappen erkennt man es an den gekreuzten Petrusschlüsseln. Der hl. Petrus wurde 952 zum Zweitpatron, abgelöst vom hl. Gorgonius. Bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs war Stadt und Bistum aufstrebend mit wechselvollen Entwicklungen. 60 Bischöfe arbeiteten dort bis dahin, am Glanzvollsten im 11. Jahrhundert. Viele Kaiser waren zu Besuch. Im 15. Und 16. Jahrhundert gewann die Bürgerschaft immer mehr Macht und Einfluss. Minden war als Hansestadt eine der wichtigsten Handelsplätze, bei einer Einwohnerzahl von 5000 Menschen. 1645 endete der Dreißigjährige Krieg und die Bistumszeit Mindens. Die Stadt war damit an ihrem tiefsten Punkt der Geschichte. Minden ging an die Preußen, erhielt eine Festung und war alleine als Verwaltungszentrum noch wichtig. Anfang des Jahrhunderts profitierte auch Minden von der industriellen Entwicklung. Die Einführung der Reformation 1530 beendete den Bischofssitz. 1811 kam erst die Aufhebung des Domkapitels. Die Stadt gehört heute zum Erzbistum Paderborn.

 

Baugeschichte

 

Die Quellen zum Bau sind Lückenhaft und wurden wissenschaftlich nur teilweise verfolgt. Eine Orientierungshilfe ist eine Gliederung in fünf Dombaufassungen. Um 800 entstand der karolingische Bau. Eine turmlose Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor und flacher Decke. Der Altar wurde errichtet über eine alte Brunnenanlage, eventuell wegen einem vorchristlichen, germanischen Brunnenheiligtum. Der Bau ging 947 verloren durch einen Brand. 952 wurde ein deutlich größerer Dom gebaut als Basilika mit dreitürmigen Westwerk. Die deutschen Kaiser durften in die Westwerkanlage um an den Gottesdiensten teilzunehmen. Es waren in der Zeit zwölf Kaiserbesuche. Es gab kein Querhaus. Der Rechteckchor war ein spätkarolingischer – ottonischer Bau. Dieser wurde 1062 auch durch Brand zerstört. 1072 erstand ein salischer Dom. Das basilikane Langhausund das Westwerk wurde vom alten Dom übernommen. Neu war ein romanisches Querhaus mit angesetzten, oktogonalen Chor. Am Querhaus gab es einen Sakristeiflügel und am Westwerk eine eingeschossige Vorhalle. Geweiht wurde sie von Bischof Eilbert. Im Jahr 1150, als Rückbau, wurde das Westwerk aufgegeben und bekommt die staufische Fassung. Das Mittelteil des Westturmes wurde heraufgeführt in Form eines Westriegels. Die Vorhalle wurde gleichzeitig um ein Obergeschoss erhöht. Ansonsten blieb der Dom zu 1072 unverändert. 1230/50 entstand in spätromanischer Architektur ein deutlich vergrößertes, dreijochiges Querhaus. Dazu kam ein rheinisch geprägtes Chorquadrum mit einem dekagonalen Chorabschluss. Eine Erneuerung des Langhauses in basikaler, romanischer Form war beabsichtigt, nach einem dramatischen Planwechsel. Das Ergebnis war eine frühgotische, dreischiffige Halle. 1290 wurden diese Arbeiten abgeschlossen. Ein eingebautes viertes Schmaljoch, wo eigentlich eine vierjochige Halle gebaut werden sollte. Dadurch sollte der romanische Turmriegel beseitigt und eine gotische Einturmanlage über der Vorhalle vorgesehen werden. Die wirtschaftliche Kraft war scheinbar nur noch ausreichend für eine Gotisierung des Querhauses. Der romanische Choralabschluss wurde ausgewechselt gegen eine hochgotische Oktogonanlage über fünf Seiten des Achtecks im Jahre 1350. In den nächsten Jahren wurde nicht viel gebaut bis auf die Barockisierung des Vierungsturmes und des Dachreiters über den Westturm im 18. Jahrhundert. Am 28. März 1945 wurde das gesamte Bauwerk bei einem Luftangriff zerstört. Teile der Außenmauern, Gewölbe des Querhauses, die Sakristei und der Vorhalle blieben erhalten. Zunächst unvorstellbar wurde dennoch 1957 der Dom als Nachbau des Baues von 1250/90 fertiggestellt. Es wurde eine erstklassige architektonische, denkmalpflegerische und technische Leistung. Es wurden zahlreiche architektonische und stilbereinigende Korrekturen vorgenommen.

 

Außen

 

In seiner Gesamtheit ist das Bauwerk breit gelagert, kraftvoll und geschlossen. Durch den westlichen Turmriegel macht sie den Eindruck einer Gottesburg, mit ihrer Eindrucksvollen Monumentalität. Durch die Giebelreihung des Lang- und Querhauses werden die Längsseiten bestimmt. Dadurch erfahren die außergewöhnlich groß angelegten und reich gestalteten Maßwerkfenster eine hohe künstlerische Qualität. Leider unvollständig ist der Tabernakelausbau an den Strebepfeilern und ein Vierungsturm fehlt. Der eigenwillige Abschluss des Doms bildet das kleinteilige Chorpolygon. Besondere Bedeutung finden die Außenskulpturen zweier Großfiguren an der Nordseite, ein Bischof und ein Kaiser. Über dem Bischofsportal steht eine Marienfigur, diese ist eine Kopie. Das reizvolle Jungfrauenportal ist ein Meisterwerk westfälischer Frühgotik und ist an der Südseite des Bauwerks.

 

Innen

 

Ein dreiteiliges Außenportal auf der Westseite bildet einen Zugang zum Dominneren. Eine schlichte, tonnengewölbte Vorhalle bildet den Übergang zum Kirchenraum. Eine Nacharbeitung des salischen Domes (1072) zeigt das Innenportal. Flankiert wird es von Figuren der Ecclesia und Synagoge, beide gezeichnet durch Kriegseinwirkung. Eine Figur des hl. Petrus (1300) ziert das Bogenfeld des Portals. Er ist der Gründungspatron des Doms. Zwei spätromanische Löwenköpfe sind Nachbildungen und tragen die Portaltüren. Wenn man in den Großraum kommt hat man das unmittelbare, überwältigende Erlebnis hochrangiger frühgotischer Sakralarchitektur. Die Halle ist dreischiffig, weiträumig und edel Proportioniert. Die sechs aufstrebenden Bündelpfeiler wachsen zueinander und sehen aus wie ein Händefalten. Sechs großflächige Maßwerkfenster, jedes zeigt eine kunstvolle Figuration, bewirkt eine leuchtende Auflösung der Außenwände. Sie bestimmen Charakter und Qualität des Raumes. Die Halle verdient es zu einem der Meisterwerke der deutschen Gotik gezählt zu werden. Den westlichen Abschluss des hallenraumes bildet der romanische Turmriegel. Die dreiteilige Kaiserloge in Verbindung mit dem modern gestalteten Prospekt der 62 registrigen Domorgel gehört zu den bestimmenden Elementen des Raumes. 1996 wurde das Instrument erbaut. Das Mindener Kreuz (1070) hängt in unmittelbar stilistischer Korrespondenz zur Kaiserloge. Es hängt über dem Vierungsaltar und ist eins der bedeutendsten Ausstattungsstücke. Dieses romanische Bronzekreuz ist eine Kopie, erfährt hier aber eine besondere Würdigung. 1290 entstand am südlichen Vierungspfeiler ein Großfresko. Es zeigt ein überlebensgroßes Marienbild über einem zweiteiligen Figurenfries. Eine der Figuren zeigt den hl. Franziskus. Das Marienbild soll Heilkraft besitzen, für Blinde und Augenleidende. Eine kleine Bronzefigur soll an die Mindenerin Pauline von Malinckrodt, 1985 selig gesprochen, erinnern. Einige wertvolle gotische Stücke sind noch vorhanden trotz der Kriegsschäden. Nördlich des Seitenschiffs, in einer Nische, befindet sich eine Figurengruppe (um 1520) mit der hl. Emerentia Selbviert leider ohne Jesuskind. Im Turmbereich ist eine kleine Andachtskapelle mit einem Qualitativ wertvollen Vesperbild. Eine prachtvolle „Traubenmadonna“ am nördlichen Vierungspfeiler schmückt den Raum. Zentral an der Südwand ist eine Ausdrucksstarke Altartafel. In der Südwand ist eine Nische, dort drinnen ein frühgotisches Madonnentorso mit einer anmutigen, würdigen Ausstrahlung. Die Epitaphe aus der zeit des Übergangs von Renaissance zu Barock, an den westlichen Kopfwänden verdienen besondere Beachtung. Sie erinnern an die Domherren Hieronymus von Grapendorf (südlich) und Herbord von Langen (nördlich). Die ornamentalen Fensterverglasungen sind unserer zeit zuzuordnen, sowie der kufenförmige Taufstein, ergänzt durch eine Bronzeabdeckung und einem Bodenornament, eine Nachbildung. Das Original ist von 1071. Das Gestühl und die Beichtkammern sind aus massiver Eiche. Wenn man in die Halle des Langhauses kommt sieht man die reiche und interessante Ausstattung. Romanische, gotische und moderne Bauskulpturen weisen darauf hin, erst mit einem scharfen Auge sieht man den Formenreichtum. Auch die neugestalteten Kapitelle und Schlusssteine in der Halle sind von besonderer Qualität. Das spätromanische Querschiff schließt sich direkt an das Langhaus an. Der Raum wird geprägt von mächtigen Domikalgewölben. Diese heben sich deutlich von denen im Langhaus ab. Beide Räume kreuzen sich mit der Längsachse im mittleren Joch des Querschiffes. Dieser Raumbereich erfährt dadurch eine deutliche Akzentuierung als „Vierung“, dieser Bezirk ist der eigentliche sakrale Teil des Bauwerkes. Exakt im Schnittpunkt steht der Altar, an gleicher Stelle wie vor zwölfhundert Jahren. Das Kreuz der Längsachsen wird vervollständigt durch eine aufstrebende Vertikalachse zu einem dreidimensionalen Raumkreuz. Das Querhaus ist nicht stilrein spätromanisch, die später eingefügten frühgotischen fenster üben eine starke Wirkung aus. Die herrliche Fensterrose über dem Bischofsportal sowie das große Fenster an der Ostseite sind Meisterwerke. Das wertvollste Ausstattungsstück des Querhauses ist ein spätromanisches Apostelfries, an der Südseite des Raumes. Ursprünglich ein Bestandteil des Lettners, welcher sich ein Mittelaltar zwischen den Vierungspfeilern spannte. Die vierzehn Skulpturen des Frieses haben eine starke Ausdruckskraft. Nur die nördliche Nebenapside des Querhauses blieb erhalten. Dort ist der Heilig Geist Altar, ein Kunstwerk der Renaissance. Besonders liebenswert wird der Nebenaltar durch die anmutige Krippenszene. Gegenüber steht die Querhaus Orgel mit 27 Registern. Das Eberhard – von – Mallinckrodt – Epitaph befindet sich am nördlichen Querpfeiler. Das Herbord – von – Langen – Epitaph ist über dem Eingang zur Pietätkapelle. Im Rahmen der Wiederherstellung des Domes 1957 entstanden die künstlerischen Verglasungen der großen Fensterrose, des benachbarten Rundbogenfensters und die gotischen Osterfenster. Nur die östlichen Fenster zeigen Gestalten von Großen und Heiligen der Mindener Kirche.  Unter dem Fenster steht ein hochgotischer Klappaltar mit dem hl. Matthias. Altarkörper, Sakramentshäuschen und Amba stammen von Elmar Hildebrand, im Vierungsaltar. Das Sakramentshäuschen besteht aus gotische Skulpturenreste aus dem Lapidarium. Auch das Ziergitter der Chorschranke stammt vom gleichen Künstler. Es enthält das alte Bistumswappen. Das Chorquadrum schließt an das Querhaus an. Dieser Teil des Chores unterscheidet sich von der Querhausarchitektur. Es zeigt die Leichtigkeit rheinischer Baukunst. Beeindruckend ist die Spätromanik in vollendeter Form und Qualität. Das Chorpolygon überrascht mit einem gravierenden Stilwechsel. Es bildet einen edlen, räumlichen Abschluss, unverkennbar hochgotisch auch im Dominnern. Auch zeitlich es das Finale dar. Die Verglasung der Polygonfenster sind farbkräftig, leuchtend in ihrer Wirkung, von dort fließt eine starke mystische Ausstrahlung ein. Ein kleiner, hölzerner Blockaltar wurde 1972 aufgestellt. Kunsthistorische Bedeutung bietet das Ausstellungsstück durch seine eingearbeiteten Eichholzwerkstücke aus spätromanischer Zeit. Es besteht aus rahmen und Füllungen mit feingeschnitztem Flechtwerk, Akanthus und Fabeltieren. Unklar ist ob es ein Bestandteil eines Chorpultes war oder die Rückwand eines Thronsessels. 2002 wurde eine Nachbildung von der Goldenen Tafel, einem berühmten Flügelaltar, wieder aufgestellt. Fast 450 Jahre war er vorher der Chorabschluss des Domes. Der Gesamtinnenraum ist besonders eindrucksvoll von der Kaiserempore aus. Einen vollkommenen Eindruck bekommt man am besten, wenn die Gemeinde dort ein kirchliches Fest feiert. Nach der letzten Zerstörung des Domes wurden über der Vorhalle und Kaiserempore zwei Lapidarien eingerichtet. Sie enthalten gesicherte Skulpturteile und verschiedene Ausstattungsfragmente. Die Glockenstube ist im Geschoss über den Turmlapidarium. Die westlichen Schallöffnungen beinhalten die ältesten Säulenkapitelle aus salischer und ottonischer Zeit. Acht Bronzeglocken hängen in der Glockenstube, jede Glocke hat Außen reiche Inschriften und kunstvolle Reliefdarstellungen. Der Aufstieg zum obersten Geschoss des Westturmriegels ist ein Erlebnis. Die umlaufende Arkade verleiht Transparenz und Monumentalität. An der West- und den Schmalseiten sind hochromanische Kapitelle.

 

Umfeld

 

Eine südseitige, mäanderartige Umbauung gehört zu dem Dom, darin untergebracht ist dass St. – Michaelshaus und das Gemeindezentrum der Dompropstgemeinde. Unterbrochen wird der steinerne Baubestand durch einen Kreuzhof als Grünanlage. Der Kreuzhof wird von einem Kreuzgang umschlossen. Der Ost- und Südflügel ist von 1140. Dort sind einige Grabplatten und wertvolle romanische Kapitelle. Es gibt einen Zugang zu einer Marienkapelle, diese wurde 1949 ausgebaut. Eine Altarretabel ist eines der Ausstattungsstücke, mit einer Abendmahldarstellung als Alabasterrelief. Vorher war es ein Bestandteil eines Sakramentsaltar von 1670. Das Zentrum des Kreuzhofes bildet eine Brunnenanlage von 1975. Die Begräbnisstätte der Mindener Domherren ist an der Südwand des Domes. Die beiden Domhöfe haben einen städtebaulichen hohen Rang. Der kleine Domhof bildet den äußeren, einstimmenden Vorraum. Das „Haus am Dom“ ist seine südliche Platzwand. In dessen Obergeschoß befindet sich die Schatzkammer. Herzstück ist das Original des ehrwürdigen Mindener Kreuzes. Der große Domhof ist die größte innerstädtische Platzanlage. Im Osten umfasst er den Chorbereich und erhält einen gediegenen Charakter durch zwei sorgfältig restaurierte Kuriengebäude im 17. Jahrhundert. Der Platz wirkt heute richtungslos, da ihm ein Bezugspunkt fehlt.