Kloster Kemnade

Erfahrungsbericht
 

Das Kloster an sich besteht nicht mehr, das einzige was über geblieben ist, ist die unscheinbare Klosterkirche. Auch wenn man die Kirche betritt, findet man in ihr nichts besondere. Das besondere an ihr ist eher die Person, die in ihr beerdigt wurde, bzw. die Grabplatte dieser Person. Baron von Münchhausen, der große Lügenbaron, hat in der Kirche seine letzte Ruhestätte bekommen. Was die Kirche auch ausmacht, sind die Grabplatten, die vom Friedhof gerettet werden konnten und an den Wänden der Kirche ihren Platz fanden. Wer sich für die Geschichte des Barons interessiert, für dem ist die Kirche ein muss. 

Einige Fotos von meiner Besichtigung des Kloster Kemnade:

 

 

Geschichte

Eine der schönsten romanischen Kirchen im Weserbergland, gebaut als kreuzförmige Pfeilerbasilika. Es gibt ein hohes Mittelschiff, niedrige Seitenschiffe und ein hohes Querschiff mit ausgeschiedener Vierung aus dem hiesigen Buntsandstein. 1046 wurde sie vom Bischof Bruno von Minden geweiht, Im 30 – jährigen Krieg verlor die Kirche vermutlich20 Meter mit einem integrierten Turm, was bis heute nicht wieder aufgebaut wurde. Sie war früher eine Wallfahrtskirche, heute eine Pilgerkirche. 1899 wurde ein Dachreiter als Glockenturm errichtet, 1905 wurde im Westen ein Aufgang zur Orgel und zum Dachboden geschaffen. Im Kircheninneren gibt es Kunstschätze wie den dreiflügeligen Marienaltar, die Mondsichelmadonna, die Annensäule, verschiedene Grabplatten und ein prunkvoller Sarkophag. 1797 fand Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen dort seine letzte Ruhestätte, eine Bodenplatte erinnert noch heute an ihn.

 

Um 960 wurde das Nonnenkloster gegründet von den zwei Schwestern Frederuna und Imma, Töchter des Billunger Grafen Wichmann. Es herrschten die Regeln des Benediktinerordens, Frederuna war dort die erste Äbtissin. Von Kaiser Heinrich II. wurde es im Jahr 1004 als reichsunmittelbares Stift bestätigt.  1046 wurde das Kloster der Muttergottes geweiht. Ein schwerer Schicksalsschlag traf das Kloster im 12. Jahrhundert, es hat sich nie wieder ganz erholt. Damals war die Äbtissin Judith, eine Schwester des Grafen Siegfried IV. von Northeim – Bornenburg. Sie war gleichzeitig die Äbtissin der freien Reichsstiftes Eschwege, wurde 1146 wieder abgesetzt und musste das Kloster verlassen. Der Nonnenkonvent wurde somit 1147 aufgelöst und dem Kloster Corvey geschenkt. Seitdem lebten in Kemnade Benediktinermönche unter einem Propst, sie blieben bis 1168. Das Kloster blieb verwaist, 1194 wurde wieder ein Nonnenkonvent eingesetzt, dieser befand sich unter völliger Abhängigkeit vom Kloster Corvey, es war ein Propst eingesetzt. Bis zur Reformation lebte man in ärmlichen Verhältnissen. Mit der zwangsweisen Reformierung 1542 verlor man viele Güter und Einkünfte. Der Konvent wiedersetzte sich der Reformation und wurde 1579 ausgewiesen, ein protestantischer Propst wurde eingesetzt. Von 1593 bis 1620 ging das Kloster wieder an Corvey, danach ging das Klostergut an die Herzöge von Braunschweig.

 

Reste vom Gründungsbau aus dem 10. Jahrhundert gibt es eventuell noch zu sehen im apisartigen Fundament an den westlichen Vierungspfeiler, welches 1896/97 durch Ausgrabungen gefunden wurde. Die jetzige Kirche stammt eher aus dem Bau der durch den Bischof Bruno von Minden im Jahr 1064 geweiht wurde. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche teilweise zerstört, am heftigsten traf es das westliche Langhaus und den Westturm. Da das Kloster seitdem nicht mehr existierte, verfiel es zusehends und war Anfang des 19. Jahrhunderts in einem schrecklichen Zustand. Erst als wieder mehr Interesse für ältere Gebäude und Kirchen entwickelte wurde, setzte man sich für die Erhaltung und Instandsetzung wieder ein. Der Kreisbaumeister Haarmann aus Holzminden begann mit den Wiederherstellungsmaßnahmen, diese zogen sich hin bis ins vorherige Jahrhundert. Das Verschwundene wurde nicht wieder hergestellt, aber der kostbare Rest der fast 1000 Jahre alten Kirche, welche in dieser Zeit kaum umgebaut wurde. Das Kloster hat eine West – Ost – Ausrichtung mit einem klaren kreuzförmigen Grundriss, ein markantes Beispiel des romanischen Baustils. Westlich war ein Mittelturm vorgelagert, die Nonnenempore befand sich auch an der Westwand. Niedrige Seitenschiffe münden in das Querschiff mit ausgeschiedener Vierung. Ehemals sehr gestreckt und dreischiffig ist das Langhaus mit hohem Mittelschiff. Es gibt kein Chorquadrat sondern einen querrechteckigen Chor mit weiter Apsis. Auch die Querschiffarme hatten ursprünglich eine Apsis. Der Außenbau hatte ehemals eine Länge von 53,7 Meter nach der Zerstörung wurde er auf 34 Meter gekürzt. Seine Klarheit hat der Bau behalten. Einige wichtige Änderungen: Im nördlichen Querschiff wurden im 15. Jahrhundert die Fenster eingebrochen, die Hauptapsis erhöht und oben mit einer Fensterreihe versehen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Eingänge an der Südseite zugemauert. Im südlichen Querschiff wurden Fenster eingebrochen, sowie im südlichen Seitenteil. Das Nordportal wurde geändert, massive Giebel auf gemauert statt Fachwerk, ein Dachreiter aufgebaut und ein Turmaufgang im Westen geschaffen. Dadurch wurde der Grundcharakter des Gebäudes nicht geändert.

 

Im Inneren der Kirche blickt man von Westen durch das Mittelschiff und die Vierung zum Chor oder man geht durch die Seitenschiffe und die Querarme, sieht man in diesen Räumen eine schlichte Holzdecke und den Eindruck von klassischer salischer Architektur. Besonders deutlich ist der Charakter dieses Stils zu sehen in der Gestaltung der Langhausarkaden mit der einfachen Folge schlichter Pfeiler. Die Arkaden sind gebaut in Richtung von Westen nach Osten. Deutlicher war dieser Eindruck, als früher sieben statt heute vier Arkaden das lange Mittelschiff begleiteten. Die Klarheit wird betont durch die innere Ausmalung, vorher war alles viel farbiger gestaltet. Bei der Restaurierung im 19. Jahrhundert hat man versucht den Stil wieder aufzunehmen, aber man kann es nur in der Apsis entdecken, 1896 gemalt von dem Braunschweiger Hofmaler Adolf Quensen. Zwei Wände wurden abgebrochen um einen freien Blick zu ermöglichen, die Wände trennten die beiden Querschiffarme von der Vierung. Die nördliche Wand trennte vorher die Grabkapelle ab, in dieser lagen die Grafen von Homburg, dies wurde bekannt durch eine Stiftung im Jahre 1409, damals wurde diese auf das Betreiben der Homburger hin, reich ausgestattet. Die Grabtumba von Heinrichs Eltern stand dort, gotische Maßwerkfenster wurden eingebrochen und die Wandfiguren erhielten Baldachine, dies kann man heute noch sehen.

 

Aus den ersten beiden Jahrhunderten ist von der Ausstattung nichts erhalten, viele dieser Kostbarkeiten sind dem Kloster Corvey geschenkt worden. Der romanische Taufstein ist eigentlich aus dem Nachbarort Tuchtfeld, jetzt steht er im nördlichen Querarm der Kirche Kemnade. Aus dem 13. Jahrhundert ist das älteste bewegliche Ausstattungsstück, ein holzgeschnitztes Kruzifix. Die nachfolgenden Werker sind alle im 15. Jahrhundert entstanden. 1380 verstarb Graf Siegfried von Homburg, sein Grabmal stand vorher im südlichen nördlichen, jetzt im südlichen. Das Grabmal ist abgedeckt mit einer großen, kräftigen Platte mit figürlichen Darstellungen. Auf der Grabplatte ist ein Erdhügel zu sehen, auf dem steht ein Kreuz mit dem Heiland, zu seinen Füßen kniet ein Ehepaar. Die Wände sind dort mit Arkaden und Maßwerk geschmückt. Die wundervolle Madonnenstatue ist auch aus dieser Zeit, sie ist jetzt im nördlichen Querschiffarm aufgestellt. Stehend auf einer Säule wird sie von zwei Engeln umflogen, diese halten eine Krone um das Haupt Mariens. Unter der Konsole schauen das Haupt eines Mannes und einer Frau hervor. Die Zeit des neuen Geistes zeigt sich deutlich in den holzgeschnitzten Reliefs und Figuren welche den Altarschrein schmücken, in dem reichen Maßwerk. Dem Altarschrein fehlten die Flügel, er war wechselnd und ungeschickt zusammengestellt, eventuell waren es dir Rest von zwei unterschiedlichen Schreinen. Sie besitzen jetzt eine neue Ordnung und wurde 1964 um die Flügel ersetzt. Im rechten Flügel die Darbringung im Tempel, im linken Flügel die Verkündigung an Maria, im Schrein die Geburt Christi und die Verkündigung an die Hirten, flankiert von den Einzelfiguren des hl. Adrianus und eines bärtigen Heiligen. Ein geschnitztes Gemälde zeigt das Geburtsrelief, dieses erzählt die Geschichte von Weihnachten und die Stätte ihrer Begebenheit. Zu den drei Werken kommt noch der Rest von Glasgemälden welche in das Ostfenster des südlichen Querschiffs eingefügt wurden. Sie stellen den Gekreuzigten mit Maria und Johannes dar, sowie die Himmelfahrt einer Heiligen. Eine weitere aus Holz geschnitzte Madonna steht im südlichen Querschiffarm auf einer Mondsichel. Sie entstand um 1480. Auf einem Felsblock sitzt eine hagere Gestalt, das Haupt auf dem rechten Arm gestützt. Es stellt Christus im Elend dar. Etwa um 1500 entstand die holzgeschnitzte Pieta, zu sehen ist die Mutter Maria welche den Leichnam ihres göttlichen Sohnes auf ihrem Schoß beweint. Das große Kruzifix wurde um 1520 geschnitzt. Es gibt zahlreiche Grabdenkmale aus der Zeit nach der Reformation. Zwei Steinepitaphe sind außen auf der Südseite der Kirche, von der Familie des Bürgermeisters Bickhafer. An der Nordwand des Chores, in der Kirche, ist ein besonderes Epitaph für ein Kind. Es stammt aus 1622und ist von der mit einem Jahr verstorbenen Anna Sophia von Esleben. Das Schicksal der Familie des Pastors Johannes Schwanflügel lässt sich erahnen an einer Reihe von Grabsteinen und Epitaphen, welche in den Seitenschiffen aufgestellt wurden. Sie stammen aus der Dorfkirche und wurden im 19. Jahrhundert in die Klosterkirche gebracht.